Erfahrungsberichte Trauerseminar :  Gästebuch The fastest message board... ever.
Erfahrungsbericht aus den online und offline Trauerseminaren www.trauer.org / www.trauerherberge.de 
Unser gemeinsamer Weg
von: Gesine ()
Datum: 28.09.2010 01:28:57

Trauerseminar bei Adolf
Am 22.7. 2009 ist mein Mann gestorben – 10 Tage nach seinem 65. Geburtstag und nach kurzer, sehr schwerer Krankheit. (Lungenkrebs) Ich hatte gerade meine Altersteilzeit begonnen, damit wir unsere bevorstehenden Renten gemeinsam genießen können. Wir hatten so viele Pläne, wir wollten nochmal so richtig loslegen. Wir hatten ja uns. Und wir liebten uns – unendlich, intensiv, immer noch leidenschaftlich, waren für uns gegenseitig immer noch eine Herausforderung, eine Überraschung.
Und dann der Krebs: 5 Monate nur Krankenhaus, Chemotherapie, Hoffnung, Verzweiflung und Angst wechselten sich ab – mit aller meiner Kraft konzentrierte ich mich auf ihn, wollte helfen, unterstützen, mit ihm gemeinsam kämpfen, die Krankheit aufhalten. Diesen Kampf haben wir beide verloren.
Völlig verzweifelt, allein, unter dem Trauma einer unendlichen, gefühlten Einsamkeit suchte ich im Internet nach einer Trauerbegleitung. Eigentlich dachte ich an eine Gruppe hier in München, in meinem Heimatort, zu der man einmal in der Woche geht, in der man sich aufgehoben und geborgen fühlt, weil alle die gleiche grausame Erfahrung gemacht haben, nämlich einen geliebten Menschen verloren.
Bei meinen Recherchen im Internet stiess ich auch auf die Seiten zur Trauerbegleitung von Adolf – naja, dachte ich, Internet, man kann es ja mal versuchen. Zunächst schrieb ich in der öffentlichen, allen zugänglichen Seite „Trauer.org“. Erste tastende Versuche über das Internet Trost und Verständnis zu finden. Skeptisch begann ich dort zu schreiben und erhielt viel Rückmeldung, viel Verständnis, ich sah dass es viele Menschen gibt, denen das gleiche grausame Schicksal widerfahren war. Eine ganz gute Freundin ist mir durch diese Seite geschenkt worden!
Langsam reifte in mir der Entschluss, mich bei Adolf zu einem Trauerseminar anzumelden – ich hatte ja eigentlich nichts mehr zu verlieren, ich konnte vielleicht nur ein klein wenig Hilfestellung und Trost finden. Zunächst war ich auch hier skeptisch: Ich kannte ja Adolf nicht, man weiss ja nie mit wem man es tun kriegt, wie er tickt, was er so macht?…Ob mir das überhaupt liegt? Oder ob ich schnell dahinter komme: Na, das ist ja gar nichts für mich. Aber ich dachte mir: – mach es, es kann ja nicht mehr schlimmer werden! Und: Ich habe immer die Option auszusteigen. Diese Option bietet ja auch Adolf, man bekommt sogar sein Geld zurück für die Monate, die man dann nicht mehr nutzt! Nicht dass das wichtig gewesen wäre bei den 120€, aber es zeigte mir: Hier arbeitet jemand, der ist integer.
Nach der Anmeldung erhielt ich die Anmeldeinformationen und Passwörter für die Seiten, die für unsere Gruppe, das Trauerseminar Nr. 14, reserviert waren. Am Anfang kam ich nicht zurecht, erreichte die Seiten nicht, konnte mir das gar nicht vorstellen, kam ja aus einem grossen Elektronikkonzern, war praktisch mit dem Internet auf Du und Du. Wurde ärgerlich, wollte gleich alles kegeln, rief Adolf mindestens 3-5 mal an, bis ich es endlich geschnallt hatte. Es funktionierte, ich war „drin“ und hatte – endlich – die Logik der Seiten verstanden. Adolf war von einer unendlichen Geduld!
In unserem Seminar Nummer 14 hatten sich 9 Trauernde angemeldet, fast alle hatten den Partner verloren, einmal eine Schwester und ein ungeborenes Kind. Am Anfang waren wir uns alle fremd, aber allein schon der kurze Steckbrief von jeder/jedem auf „unserer“ Homepage zeigte, wir alle haben schwere Verluste zu verkraften, kämpfen mit dem Alltag, mit unserer Trauer, unseren Abstürzen und sind doch voller Tapferkeit, irgendwo,- wir wollen uns aktiv mit unserer Trauer auseinandersetzen und waren und sind bereit, Hilfe anzunehmen. Wir wollten uns im Leben wiederfinden, wollten das Unabwendbare begreifen, uns gegenseitig helfen und Kraft für eine noch ganz ungewisse Zukunft schöpfen. Wir alle hatten verstanden: Trauern ist ein Prozess, dem man nicht ausweichen, aber den man auch aktiv gestalten kann. Man muss der Trauer nicht ausgeliefert sein, aber dazu braucht man auch Hilfe. Und Adolf gab und gibt uns diese Hilfe und die Plattform, die wir nutzen, um uns gegenseitig zu helfen.
Schnell ergab sich ein reger Kontakt im Forum, besonders zwischen 4-5 Frauen von uns. Wir schrieben über unsere Gefühle, unsere Abstürze, unsere Verzweiflung, über die Löcher, die Tränen, die Schmerzen. Adolf hatte für alle von uns so genannte „Hausaufgaben“ vorbereitet – die waren nicht immer einfach – Schritt für Schritt wurden wir zurückgeführt zu den Anfängen unserer Beziehung – wir sollten es beschreiben – jede/jeder in der Genauigkeit und Tiefe wie sie/er es kann und möchte. Es kamen das Kennenlernen, die ersten Jahre der Beziehung auf‘s Tapet, der erste Streit, die Versöhnung, dann die Krankheit - wenn eine Krankheit dem Tod vorausgegangen war –und letztlich auch der Tod, die Todesstunde . Unsere Ängste und Sorgen, unsere Kämpfe, all das sollten und konnten wir uns von der Seele schreiben. Unsere Hausaufgaben endeten aber nicht beim Tod – sie gingen weiter: nochmal durch das Tal der Tränen, wir spürten der Einsamkeit nach, wir erlebten die Hoffnungslosigkeit neu. Behutsam und Schritt für Schritt führte uns Adolf nochmal durch diesen Prozess. Zuerst dachte ich: Ich bin doch froh, dass es vorbei ist, ich will nicht mehr daran denken, ich bin doch kein Masochist! Bis ich merkte: Es ist heilsam, sich alles von der Seele zu schreiben, es in Sätze zu packen, es aus der Konfusität des Gefühls in eine klare Sequenz von Sätzen zu bringen. Und: Ich denke sowieso immer daran – aber wenn ich es aufschreibe und hier in unsere Seiten stelle, dann kann ich auch mal durchatmen, es loslassen. Ebenso bekomme ich Rückmeldung von meinen Mittrauernden, ich bin nicht allein gelassen. Ich sehe, wir alle haben Ähnliches erlebt, auch wenn es für jede von uns natürlich völlig anders war. Ich erhalte Zuspruch, Trost und Verständnis, denn verstehen kann es nur jemand, der auch so einen Verlust erlebt hat. Kein anderer kann ermessen, wie es einem geht. Und zu jedem Schritt, den wir nochmal nachvollzogen haben, gab es einen Chat mit Adolf. Wir konnten uns nochmal gemeinsam darüber austauschen, wir waren uns Stütze und Schwestern zugleich. Und Adolf führte uns mit seinen Fragen, mit seiner Wärme und mit seiner Professionalität so durch diesen Prozess, so dass wir hinterher nie verzweifelter waren – wie ich anfänglich befürchtete – sondern eher irgendwo erleichtert und manchmal sogar gelassen. Das heisst nicht, dass der Schmerz weg war, aber er wurde erträglicher.
Langsam kristallisierte sich so ein „harter Kern“ heraus: 5 Frauen waren häufig im Forum. Wenn eine etwas schrieb – am Anfang meist über Abstürze, Schmerzen und Tränen - waren die anderen ganz schnell zur Stelle, schickten Engel über den Äther, nahmen virtuell in die Arme, reichten Tempos durch „die Leitung“, schrieben von ähnlichen Erfahrungen und Gefühlen und sofort fühlte man sich geborgen, spürte: Du bist nicht allein, die Ungerechtigkeit des Lebens trifft nicht nur Dich mit voller Wucht. Wochenlang, zum Beispiel, attackierte ich „meine“ Gruppe mit der - an sich sinnlosen - Frage nach „dem Sinn des Lebens“ – mit Engelsgeduld antworteten alle immer wieder, versuchten Sinn zu sehen, Sinn zu stiften, Sinnhaftigkeit aufzuzeigen. Aber auch das ebbte irgendwann einmal ab. Heute können wir über diese Zeit schmunzeln.
Im Januar hatten wir dann der erste reale Trauerseminar bei Adolf: 3 „Mädels“ und ein Mann – wir hatten von Anfang an das Gefühl, uns ganz gut zu kennen, wir waren uns so vertrauet – und trotzdem hatte ich Herzklopfen, als ich im Zug nach Montabaur sass: Immer wieder die gleiche Frage: Ob mir das auch gut tut? Ob ich es aushalte, so immerzu und tagelang mich mit meiner Trauer auseinander zu setzen? Ich kann ja nicht weglaufen, nicht ausbüxen – was ich sonst immer gerne versuchte und übrigens noch versuche. Aber die Trauer läuft ja nebenher, auch wenn ich weglaufe, sie lässt sich nicht abschütteln wie eine lästige Fliege.
Es war sehr intensiv, Adolf ließ uns kommen, baute Brücken, wir arbeiteten mit Bildern, mit Symbolen, mit Geschichten. Wir erfanden Rituale, die es uns erleichtern mit der Trauer umzugehen. Wir gestalteten und bemalten Steine zur Erinnerung, die wir dann in Adolfs Gedächtnis-Wand integrierten, wir hörten Musik und wir weinten viel und gemeinsam, aber wir lernten auch für uns zu sorgen, uns um uns zu kümmern und ganz am fernen Horizont erschien uns allen so ein heller Streifen, so eine Ahnung, ja es kann auch wieder mal schön werden, das Leben. Vielleicht – Später. Aber es ist möglich.
Leider „verloren“ wir den einzigen Mann in der Gruppe unterwegs – mag sein, dass Männer anders trauern, vielleicht können sie eher abschließen, vielleicht war es aber auch nur so eine Aneinanderreihung von Zufällen. M. rührte sich immer weniger, er war nie ein Viel-Schreiber, beteiligte sich aber auch nicht mehr an den Chats. Schade – wir versuchten immer wieder, ihn zurückzuholen in unsere Gruppe, aber andere Dinge hielten ihn in Atem – es fehlte wohl auch die Zeit. Übrig blieb bis heute unsere Gruppe von 4 Frauen, eng verbunden, im Schmerz und inzwischen auch in der Freude.
Ende August haben wir uns zum zweiten Mal bei Adolf getroffen: wir waren zu dritt – eine von uns konnte nicht, leider, war aber trotzdem immer irgendwie mitten unter uns.
Wir waren überrascht, als wir uns nach den 7 Monaten wieder trafen: Wir hatten ungeheure Schritte gemacht. Wir alle waren irgendwo wieder angekommen im Leben, wir konnten uns auch wieder freuen, wir konnten geniessen und lachen. Natürlich haben wir unsere Abstürze, unsere Löcher, unsere Tränen, unsere Schmerzen und unsere Verzweiflung, und auch manchmal unsere Wut: Warum nur haben uns unsere Männer verlassen!?! Aber dieses Mal haben wir bei und mit Adolf ganz andere Dinge gemacht: Wir sind blind durch ein Labyrinth gelaufen und haben dabei gelernt, dass man nur dem Gefühl in seinen Füssen vertrauen darf, sonst kommt man nicht in der Mitte an – der Verstand macht einem immer einen Strich durch die Rechnung. Wir haben voller Dankbarkeit zurückgeblickt auf das, was uns in unserer Beziehung geschenkt worden ist und wir haben auch nach vorne geschaut, und uns gefragt: was nehmen wir mit aus dieser Beziehung in unser „neues“ Leben.
Wir machen weiter, treffen uns fast täglich im Forum, nehmen Anteil an Freud und Leid und Abstürzen und Tränen, aber auch an Erfolgen und den kleinen und grossen Siegen im Alltag!
Und wir sehen uns wieder: Im Januar bei Adolf und inzwischen sind wir ganz sicher: Auch für uns hält das Leben noch viel Schönes bereit. Und unsere Liebsten sitzen auf ihrer Wolke und schauen zufrieden und stolz auf uns herunter und schicken uns ab und zu mal einen Engel und auch ab und zu mal einen kleinen Tritt vors Schienbein, wenn wir zu übermütig werden und uns selbst vernachlässigen und nicht auf uns achten!



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Unser gemeinsamer Weg1539Gesine28.09.2010 01:28


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