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Gezeiten der Trauer - meine Trauerwanderung
von: FW ()
Datum: 21.02.2011 19:45:02

Mein Trauerweg ist eine Bergwanderung und zugleich eine Wanderung durch viele Gezeiten, mit Fortschritten und Rückschritten. Mittlerweile bin ich auf der Höhe angekommen, wandere im Sonnenschein und unter blauem Himmel, mit Blick auf die Berggipfel rundum und mit einem stolzen Blick zurück auf den Anstieg, den ich im vergangenen und diesen Jahr geleistet habe. Begonnen hat die Bergwanderung im tiefen Tal, im dichten Nebel, in dunkler Nacht. So empfand ich die ersten Monate nach dem Tod meines geliebten Partners, in denen ich mich nicht mehr verstand, mit mir nicht mehr umzugehen wusste, in denen mir die Trauer so stark körperlich zusetzte. Der erste Lichtblick war das Seminar; was hätte ich nur ohne Adi, sein Seminarkonzept und ohne das Forum, in dem alle so hilfsbereit waren und wir uns gegenseitig nur zu gut verstanden, gemacht? Lichtblicke in den ersten Wochen waren auch Bücher; ich weiß noch, wie ich Joan Didions Buch über den Tod ihres Mannes in einer langen Nachtsitzung verschlungen habe. Wie gut verstand sie das auszudrücken, was mich umtrieb: die körperlichen und seelischen Schmerzen, die Tsunamiwellen der Trauer, die mich immer wieder umwarfen, die Hoffnungslosigkeit, die mich umtrieb und verzweifeln ließ. Diese Gezeiten des Schmerzes und der Hoffnungslosigkeit machten den Aufstieg in den ersten Monaten so schwer, fast unmöglich; ich musste mich zwingen, zu so vielem, habe aber auch vieles weggedrückt, unterdrückt, versucht es (den Tod meines Mannes) nicht zu sehen. Bis es dann zum Fast-Zusammenbruch kam im Februar / März 2010: ich weinte fast nur noch und merkte, dass ich Hilfe brauchte. Vielleicht war es auch die ersten Geh-Zeiten, die dies mit ausgelöst hatten; die Erinnerungen an die Zeit mit Dir, an das, was ich verloren hatte, an die Krankheits- und Todeszeit waren so stark, dass es körperlich schmerzte. Trotzdem gab es immer wieder Lichtblicke, die mir zeigten; ich lebe, nicht trotz der Trauer, sondern weil ich trauere: der Urlaub an unserem gemeinsamen Ort, der mir viel Kraft gab und bei der Verarbeitung half, die Natur, die Freunde im Forum, Musik.

Meinen Trauerweg begann mit den Gezeiten des Schmerzes, setzte sich fort mit den Gezeiten der Hoffnung, gefolgt von den Gezeiten der Sinnsuche, Gezeiten der Hoffnungslosigkeit und Gezeiten der Sehnsucht. Allmählich traten die Gezeiten der Dankbarkeit dazu, die Gezeiten des Findens; meiner neuen Identität, meiner Zukunftsperspektiven, und die Gezeiten der Liebe, der fortdauernden und neuen Liebe zu meinem Mann. Heute stehe ich voll in den Gezeiten des Lebens, des Aufbruchs.

Das Seminar, die zwölf Geh-Zeiten haben mich gezwungen, mich mit mir, dem Tod meines Mannes und meinem Schmerz auseinanderzusetzen. Sie sind weit mehr als eine Trauerbegleitung; im Grunde genommen ein Lebensrückblick und die Unterstützung beim Finden und Aufbauen einer neuen Identität. Ohne diese Trauerarbeit stünde ich heute nicht dort, wo ich mich jetzt befinde. Mein Leben wird, auch das habe ich für mich gelernt, immer eine Wanderung bleiben; für mich ist wirklich der Weg das Ziel.

Die Trauer hat mich dabei so vieles gelehrt. Mir verdeutlicht, wie reich und wertvoll die gemeinsame Zeit war, welchen Wert Erinnerungen besitzen können, was ich aus unserer gemeinsamen Zeit mitnehmen kann für mein weiteres Leben. Wie vieles ich angenommen habe von meinem Partner. Wie verschieden mein Umfeld mit der Trauer umgeht, wie unehrlich manche Menschen sind, die ich als Freunde gesehen hatte. Wie gut es tut, neue Freunde zu finden, die einen sein lassen und verstehen. Wie gut es mir tut, sich nicht immer anzupassen, sondern auch mal mich in den Vordergrund zu rücken. Wie wichtig für mich Ruhe und Stille sind, das Innehalten und Ruhen in sich selbst. Wie viel ich aushalten kann, wie stark ich bin; und dass Stärke auch bedeutet, Schwäche zu zeigen, anderen gegenüber. Wie schön das Leben, MEIN Leben; ohne meinen Mann und doch mit ihm, mit meiner Liebe zu ihm; ist und sein wird. Wie wichtig Träume sind, wie wichtig es aber auch ist, Träume zu leben. DANKE, Adi!



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Gezeiten der Trauer - meine Trauerwanderung2535FW21.02.2011 19:45


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