Erfahrungsberichte Trauerseminar :  Gästebuch The fastest message board... ever.
Erfahrungsbericht aus den online und offline Trauerseminaren www.trauer.org / www.trauerherberge.de 
Wieder laufen lernen
von: Andrea Bukowski ()
Datum: 03.05.2012 22:28:00

Vor knapp zwei Jahren starb mein Mann an einer schweren Krankheit. Wir hatten eine gute, wenn auch kurze Ehe und umso schmerzlicher wurde mir danach bewusst, dass ich nun mein Leben noch einmal von Vorne beginnen musste – ohne ihn.
Der große englische Literaturwissenschaftler C.S. Lewis beschrieb einmal so passend in seinem Buch „Über die Trauer“, wie er versuchte nach dem Tod seiner Frau als „Amputierter“ wieder das Laufen lernen. Genauso ging mir es. Wie sollte ich jemals wieder laufen lernen?
Meine Seele hinkte. Für mich war der Einschnitt mitunter so gravierend, dass ich mit dem Tod von Jörg auch noch gleich das dortige Zuhause mit allen Beziehungen, eben das ganze Leben in Norddeutschland hinter mir lassen musste. Das schmerzte doppelt, da ich ein Familienmensch bin.
Als ich auf die Onlineseite www.trauer.org beziehungsweise das Onlineseminar für Trauernde stieß, wusste ich, dass ich dort einen Platz finden würde, an dem ich lernen könnte, erst mit Krücken und dann wieder mit beiden Beinen laufen zu lernen.
Für mich war das Onlineseminar zudem überaus praktisch, da ich zu der Zeit bereits zwischen Nord und Süd hin und her pendelte und kein Seminar an einem festen Ort hätte wahrnehmen können. Und ich war froh über die Zeit, die ich mir geben durfte diesen Weg gesund zu durchlaufen in Begleitung sehr kompetenter Unterstützung. Nicht umsonst heißt es ja das Trauerjahr.
Unsere kleine Trauergruppe, die sich regelmäßig online in Chats und vierteljährlich in der Herberge der Trauer nahe Koblenz traf, war ein Ort der Geborgenheit, in der wir uns, äußerst liebevoll und geduldig begleitet durch Adi Pfeiffer, öffnen und herausfordern lassen konnten. Durch die monatlichen „Hausaufgaben“ war ich gefordert mich mit mir selbst auseinander zu setzen und die verschiedenen Phasen der Trauer zu durchlaufen. Je weiter der Weg ging, je tiefer die Prozesse, je mehr die Schritte, desto mehr Licht fiel auf diesen Weg und Hoffnung und Kraft in mein müdes Herz. Da ich unter Druck stand einige zukunftsweisende Entscheidungen zu setzen, stellte ich erst rückwirkend mit Erstaunen fest, dass mein sogenanntes „Hinkebein“ laufen gelernt und sich sogar zunehmend starke Muskeln gebildet hatten.
All das war nur möglich durch die Tatsache, dass ich diesen Weg nicht alleine meistern musste, sondern einen hervorragenden Trauerbegleiter und wunderbare Mittrauernde hatte, die mit mir ein Stück des Weges zurücklegten, mir Raum, Zeit, Trost und Aufmerksamkeit gaben und „die Krücken reichten“, bis ich mich irgendwann traute ohne diese zu laufen.

Es gibt nach wie vor Tage an denen ich meinen Partner sehr vermisse und ich auf das Leben als Alleinstehende „meckere“, aber ich spüre auch, trotz der Zeit, Kraft und Geduld die es erfordert mein Leben und Beziehungen an einem neuen Ort wieder aufzubauen, dass Jörg sehr wohl da ist in meinem Herzen und sicherlich mitlacht über so manche Begebenheit die ich jetzt erlebe. Und ich hatte und habe immer wieder Gelegenheit Leuten, die den Verlust eines lieben Menschen erlitten haben, Mut zu machen sich „gesund zu trauern“ gerade auch in Begleitung eines betreuten Seminars, so dass sie keinesfalls ihre Hoffnung über Bord werfen, sondern das Leben „umarmen“.



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Wieder laufen lernen1714Andrea Bukowski03.05.2012 22:28


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